„Ich soll mich für ein Märchenbuch bedanken?“

Mein siebter Geburtstag. Da ging es vielleicht hoch her bei uns in der Familie! Meine Tante Anni hatte mir ein dickes Buch geschenkt. Leder gebunden. Bestimmt 500 Seiten. Ein Märchenbuch. Nicht gerade das, was einen Jungen, der an Technik, Sport und fernen Ländern interessiert war, begeistern konnte. Ich legte das Buch still zur Seite. Dann die Frage meiner Eltern: „Hast du dich schon bedankt?“ „Nein!“, sagte ich trotzig. „Ich bedanke mich nicht für etwas, was mir nicht gefällt!“ „Oh doch, das tust du, weil es im Leben dazu gehört.“ Meine Antwort: „Aber es ist nicht ehrlich, sich für etwas zu bedanken, was man gar nicht haben will.“ Irgendwann musste ich mich doch bedanken, fügte aber hinzu: „Das nächste Mal aber bitte nicht wieder so ein Buch.“ Tja, für damalige Zeiten war das wohl ziemlich aufmüpfig.

In der Oberschule fand ich Dankbarkeit ziemlich uncool. Ich versuchte es zu vermeiden, Dankbarkeit zu zeigen, selbst wenn ich sie irgendwie im Inneren empfand. Und als ich dann als Erwachsener in die Selbstständigkeit ging und so manche Zahlung für meine geleistete Arbeit ausblieb, wurde mir schlagartig klar, wie wichtig Dankbarkeit im täglichen Leben ist. Sie ist – in diesem Fall – die Anerkennung, dass man für den anderen etwas geleistet hat. Dankesäußerungen von ihm/ihr vermitteln mir die freudige Erkenntnis, dass das, was ich getan habe, dem anderen etwas bedeutet. Und es ist regelrecht eine Empfangsbestätigung, dass der andere sich dieses Wertes, den er da bekommen hat, bewusst ist.

In dieser Online-Publikation, der Huffington Post India, wurde kürzlich über Dankbarkeit geschrieben. Und die Frage gestellt, warum es vielen Menschen so schwer fällt, einfach nur Danke zu sagen. Es wird die Frage gestellt, ob die Menschen glauben, durch Dankbarkeit von dem Gebenden abhängig zu sein. Und dann heißt es: „Aber jemandem seine Dankbarkeit auszudrücken ist etwas ganz anderes, als jemandem etwas zu schulden.“ (Huffington Post India, 13. 2. 2015, Aashmita Nayar)

Es folgen eine Reihe von Beispielen, wo Forscher festgestellt haben, dass Dankbarkeit ganz eindeutige Wirkungen hat. Ein Beispiel: „Forscher in England fanden heraus, dass die Studenten, die öfter Dankbarkeit empfunden hatten, weniger gestresst waren und im Laufe der Zeit auch mehr Unterstützung bekommen hatten.“ Andere Beispiele belegen, dass Dankbarkeit zu mehr Ausgeglichenheit, sogar zu einer Gewichtsreduzierung und zu besseren familiären Beziehungen führt.

In einem alten Kirchenliederbuch von 1932 fand ich den von dem protestantischen Eilenburger Geistlichen Martin Rinckart (1586–1649) verfassten Choral: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen“ (Liederbuch der Christlichen Wissenschaft, 1932, und viele andere Liederbücher christlicher Glaubensgemeinschaften). Der Choral zählt zu den bekanntesten geistlichen Liedern in deutscher Sprache. Der Vers heißt für mich, nicht nur oberflächlich ein kurzes Danke zu nuscheln, sondern dem anderen zu zeigen, dass diese Dankbarkeit ehrlich und bewusst geäußert wird. In meinem Fall, als Selbstständiger, erlebte ich, wie sich über Monate hinweg das Verhalten meiner Kunden änderte. Als ich, ohne viele Worte, mehr Dankbarkeit für diese Kunden empfand, besserte sich deren Zahlungsmoral. Und auch sie fanden bisweilen freundliche Worte für meine Arbeit. Meine empfundene eigene Dankbarkeit erreichte meine Mitmenschen und kitzelte auch aus ihnen die besten Eigenschaften heraus. Es war eine Wechselwirkung, die allen guttat.

Kürzlich stieg ich in Berlin aus dem Bus und sagte dem Fahrer kurz: „Danke für die Fahrt.“ Er war völlig verdutzt, ja fassungslos. Und rief mir hinterher: „Dies ist etwas ganz Besonderes, was Sie mir da gesagt haben. Ein wunderbarer Tag heute für mich – und für Sie!“

Wir verlieren nichts, wenn wir uns bei dem anderen bewusst bedanken, und wenn es für ein (nicht gewünschtes) Märchenbuch oder eine Busfahrt ist.

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